In den Fußstapfen des Bären
Mythisches Lappland
"Wir Samen sind ein Volk, vereint durch unsere Kultur, Sprache und Geschichte, wir leben in Gebieten, die wir seit unvordenklichen bis zu historischen Zeiten allein bewohnten und benützten. Diese Einheit symbolisiert seit 1986 die Flagge des Samenlandes, das zwischen den vier Ländern Norwegen, Schweden, Finnland und der ehemaligen Sowjetunion aufgeteilt ist. Diese Staaten hatten, und haben noch, eine andere Sicht."
(Der samische Rat)
Aus samischen Textenzusammengestellt
von Nina Michael
Die Samen, die man hierzulande eher unter den Begriff „Lappen“ kennt, sind das einzige indigene Volk in Europa. Das Samenland, von den Samen Sápmi genannt, wurde Opfer der Kolonisation, die mehr oder weniger versteckt weiter geführt wird. Die Situation der Samen ist in den vier Ländern unterschiedlich - hier geht es um die Lage in Finnland. Diese einzigartige Kultur ist bedroht, weil wirtschaftliche Interessen des Staates im Vordergrund sind, allzu oft auf Kosten der Erhaltung der traditionalen Art zu leben und der Umwelt.
Mythen, die jetzt schriftlich festgehalten werden, erzählen über das Leben und die Geschichte der Samen. Sie verbinden die vergangene und jetzige Zeit, sie sind Dokumente und Fiktion [Pentikäinen 2004]. Ich zitiere hier Pekka Aikio, den Präsidenten des Samenparlaments in Finnland, einen besonderen Kenner der samischen Kultur, und den Religionswissenschaftler Juha Pentikäinen, Forscher des Schamanentums und der samischen Mythologie, sowie einen samischen Mythos über den Bären, der das wichtigste Kulttier des samischen Weltbildes ist.
Die Nördlichen Kulturen
Pekka Aikio
„Die Natur der arktischen und subarktischen Gebiete um den Nordpol ist streng und setzt den Tätigkeiten der Menschen enge Grenzen. Das Klima ist durch starke Veränderungen der Jahreszeiten gekennzeichnet. Der Winter ist nicht nur kalt, sondern auch dunkel und im Sommer wiederum lebt man die Zeit der nachtlosen Nacht. Auf den arktischen und subarktischen Gebieten, die den Nordpol umgeben, gibt es rund 70 Urbevölkerungsgruppen mit zusammengerechnet beinahe 600 000 Menschen. Die verschiedenen Gebiete haben kulturelle Unterschiede, aber auch verbindende Elemente, wie technologische Lösungen. Wechselnde, äußerst karge Bedingungen und geringe Bodenschätze spiegeln sich auch in den sozialen Systemen wieder. So bewegen sich diese Völker je nach Jahreszeit von einem Ort zum anderen.
Der Animismus, der Glaube daran, dass Geistwesen ein Teil der umgebenden Natur und der menschlichen Gemeinschaft sind, ist allgemein überall im Norden. Der Schamane hat eine wichtige Position in dieser Religion. Die Kirche hat die Verwendung der Schamanentrommel und die ursprüngliche Musik fast völlig vernichtet. Die Wertschätzung des besonderen Gepräges der Kulturen hat in der letzten Zeit zugenommen, sowohl bei den eigenen Völkern als auch in der übrigen Welt. Die mündliche Tradition ist hier stark betont und die schriftliche fehlt. Die finnischen Samen haben erst 1978 in der Arjeplog Konferenz die gemeinsame schriftliche Sprache genehmigt“ [Aikio 1987].
Der Bär in den saamischen Mythen
Juha Pentikäinen
„Die Benennung arktisch ist ein ökologischer aber auch mythischer Begriff. Er stammt aus dem griechischen Wort arktos, das Bär bedeutet. Die Gebiete um den Nordpol werden arktisch genannt, da man gedacht hat, dass sie unter dem Sternbild „der Große Bär” gelegen sind [Pentikäinen 1998]. Der Bär ist das Grundelement des nordischen Weltbildes und der Religion. Den Bären hat man als Stammvater betrachtet und als Gott angebetet. In den Mythen wurde erzählt, dass der Bär im Himmel geboren wurde und nach dem Tod in seine ursprüngliche Heimat zurückkehrte“
[Pentikäinen 1995].
Die samische Künstlerin Satu Maarit Natunen beschreibt die allgemeine samische Auffassung des Bären:
Der Bär ist das am meisten tabuisierte Tier. Der Bär strahlte an für sich schon eine solche Energie aus, dass zum Beispiel die Frauen den Bären nicht (und nicht einmal dessen Erleger) anschauen durften. Es wurde jedoch einen Ausweg entwickelt, der die Situation etwas erleichtert hat. Die Frauen hatten einen runden Metallring, durch den der Bär gucken konnte, und wodurch die Energien des Bären nicht fließen konnten. Es ist nämlich auch so, dass ein Mädchen mit dem Bären den Winter in der selben Höhle verbringen musste, und die Folge daraus ist der Anfang des Bärenvolkes gewesen [Natunen 2004].
Der Bärenkult ist seit der mittleren Altsteinzeit durch Höhlenbilder nachweisbar und war von den Samen über sibirische Volksstämme bis zu den Indianern verbreitet. Die Jäger uralischer Völker der früheren Zeiten, zu denen auch die Samen und die Finnen gehörten, meinten dass der Bär so menschenähnlich war, dass man an einen gemeinsamen Ursprung glaubte. Man meinte, dass der Bär sich zum Menschen, und der Mensch sich zum Bären, verwandeln konnte. Dem Bären wurden Eigenschaften wie unvergleichliche Kraft und Weisheit zugeschrieben. Die Intelligenz bewies er durch das sorgfältige Bauen des Winterquartiers. Der Bär ist Waldmensch und Gottessohn. Zähne und Krallen wurden als Amuletten getragen und sollten „Bärenkräfte“ verleihen. Der Bär wird, dem finnischen Nationalepos „Kalewala“ nach, beim Sterben in die Stube gebracht um seine Beerdigung zu feiern, die in Wirklichkeit seine Hochzeit ist. Der Bär ist Ehrengast auf dem Fest, wo er zu seinem himmlischen Heim begleitet wird [Tenhunen 2004].
Hier ein samischer Mythos:
Der Schwiegervater und die Schwiegertochter als Bären
Ein gewisser alter Mann verschwand immer den Winter über und kam erst im Frühling zurück. Die Frau seines Sohnes wurde neugierig und wunderte sich, wohin ihr Schwiegervater immer verschwand. Eines Herbstes entschied sie sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie behielt den Alten im Auge, und sah ihn in den Wald gehen. Die Schwiegertochter lief ihm nach, verlor aber den Alten aus den Augen. Stattdessen sah sie einen Bären unter einem alten schiefgewachsenen Baum, der sich auf den Winterschlaf vorbereitete.
Die Schwiegertochter ging unter diesen Baum und wurde in dem selben Moment auch selbst zum Bären verwandelt. Der andere Bär war tatsächlich ihr Schwiegervater, der erzählte, dass er sich immer für den Winter zum Bären wandelte und in seiner Höhle schlief. Auf diese Weise wurde das Leben billiger - der Alte war nämlich geizig.
Die Schwiegertochter wusste nicht was tun: sie konnte sich selbst nicht zum Menschen zurückverwandeln. Der Schwiegervater schlug vor, dass auch sie Winterschlaf halten sollte.
Mitten im Winter, als beide Bären tief schliefen, gingen die Söhne des Alten zum Jagen. Und wie es so ist, fanden sie zufällig genau diese Bärenhöhle, und fingen an sie zu umkreisen. Der Alte wurde wach und verstand, dass jetzt Not am Mann war. Er weckte die Schwiegertochter und sagte, dass er schon alt war, er konnte ja sterben, aber die Schwiegertochter hatte Kinder, sie sollte zum Menschen zurückverwandelt werden. Der Alte entschied aus der Höhle zu steigen und sich von den Söhnen erschießen zu lassen. Die Schwiegertochter sollte ruhig liegen, bis die Jäger weggehen sollten. Dann sollte sie ihnen folgen. Die Jäger häuteten den Bären und breiteten das Fell vor der „Kota“ (samisches Zelt) aus. Die Schwiegertochter sollte darüber hüpfen, und würde sich dann wieder zum Menschen verwandeln. Die Schwiegertochter folgte dem Rat und hüpfte, aber sie schaffte es nicht ganz, ihr linker Fuß berührte das Fell. Die Frau wurde zum Menschen verwandelt, aber der linke Fuß verblieb eine Bärenpfote.
Hierzulande gibt es kaum Bären mehr, aber romantisierte Vorstellungen einer unberührten Wildnis in Lappland - wie ist es jetzt damit? Hier folgt die samische Sicht:
MYTHISCHE WILDNIS
Pekka Aikio:
„Die samische Lebensart ist durch eine enge Verbindung zu der Natur geprägt. Rentierhaltung, Fischen und Jagen sind als frühere lappische Erwerbsformen nach wie vor das Rückgrat der Produktion, und sie ist ein typischer und wichtiger organischer Teil einer naturnahen Art zu leben. Während der Nachkriegszeit hat die intensive Nutzung der Bodenschätze auf dem samischen Gebiet, vor allem durch die staatlichen Großunternehmen, bedeutend zugenommen. Dies hat oft zu Interessenkonflikten mit den traditionellen Erwerbsformen geführt, wie auch später mit dem Tourismus und den Wanderungen.
Wie viele von den Verehrern der Wildnis haben selbst im Wald gewohnt? Ich spreche hier nicht von der Wildnis, weil auf den alten Landgebieten der Lappendörfer Wildnisse in dem Sinne, wie die Wildnisenthusiasten sie als öde, unbewohnt und unbenutzt definieren, nie gewesen sind.
Meine „Wildnis“ der Kindheit, mein eigenes Zuhause gleich nach dem Krieg, Ende 1940 bis in Siebzigern, war ein Wildnishaus 10 Km vom dem nächsten Nachbar, dem Geschäft, von der Post und der Schule entfernt. Vom Vater lernte ich schon früh als Kind im Wald zu leben, und er zeigte selbst ein gutes Beispiel: hinterlasse keine Spuren; störe nicht das andere Leben des Waldes; behalte deine Sinne wachsam; höre zu und schaue was um dich geschieht; sei selbst unsichtbar und unhörbar; verschwende nicht die Gaben des Waldes. Es gab kein Geld und Flauten kannte man nicht. Unser Leben war um es kurz zu fassen fürstlich. Jetzt wo ich reifer bin weiß ich, dass die Lebensqualität sich zurückgebildet hat.
Das folgende Beispiel zeigt die unterschiedliche Auffassung der Samen und der Wildnisfinnen: Ein hoher Vertreter der irdischen Macht schoss an einem Tag über 40 Auerhühner, was das Volk in der Gegend für ein unbegreifliches und unverzeihliches Verbrechen hielt. Ich hatte gelernt, dass zwei Vögel den Bedarf für viele Tage decken, und mehr durfte man jedenfalls mit einer Feuerwaffe nicht erlegen.
Die samische Kultur kämpft heute schwer um ihre Existenz. Man will die Samen, wie andere Urbevölkerungen, als historische Relikte verdrängen. Man hat die Kultur als verschwindend angesehen, sogar in den wissenschaftlichen Untersuchungen der Finnen. Die Gelehrten meinen, dass das Verschwinden oder die problemlose Assimilation der samischen Kultur, sich als der beste Samische Wert gezeigt hat!
Die Benutzung der Natur der Samen war oft so unsichtbar, dass auf der Seite der fremden Kultur eine Wahnvorstellung der unberührten Wildnis entstanden ist, weil man keinerlei Spuren menschlicher Aktivität gesehen hat“ [Aikio 1993].
UNTERSCHIEDLICHE WELTANSCHAUUNGEN
Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano machte darauf aufmerksam, dass sich der Rassismus und die Weigerung Urbevölkerungen als Völker und Nationen anzuerkennen, tief in die von den Kolonisten mitgebrachte Gegenwartssprache eingegraben haben: Indigene Völker haben Folklore, keine Kultur, Aberglauben anstelle Religion, Dialekte statt Sprachen und sie betreiben Kunsthandwerk, nicht Kunst [Philip Wearne 2003].
Das folgende Beispiel zeigt, dass eine rationale Interpretation ganz unterschiedlich zu dem ist, wie arktische Völker über Geister denken: Lars Levi Laestadius (1800-1861):
„Mythologie bedeutet der allgemeine Glaube an übernatürliche Wesen und deren Kräfte. Diese Zauberkraft, auf die, die wilde Natur zusammen mit der Einsamkeit auf die Kraft der Phantasie einwirkt, ist die Grundlage der Mythen: Ist nicht die dunkle Gestalt, die einem im Morgengrauen erscheint, ein Kobold, der bei dem näheren Betrachten sich als ein grauer Stein erweist? Die Stimmen der Tiere, das Rascheln der Blätter im Wind, stammen sie von Wesen unter der Erde? Wenn der Produkt der Phantasie zu einem Teil des Volksglaubens übergeht, wird er Teil der Mythologie“
[Pentikäinen 2004].
Ich habe hier versucht durch samische Texte aufzuzeigen, dass bei den Finnen und den Samen zwei Weltbilder auf einander prallen. Der Mensch meint ja, dass sein Weltbild das einzig richtige ist, und andere sollten auch so denken: Die Samen müssen so werden wie wir! Wenn man meint, dass ein Mensch sich in einen Bären verwandeln kann, sei es Aberglaube, aber dann heißt es, dass Jesus Wasser zu Brot verwandeln konnte, sei es die richtige Religion: Die Samen müssen so glauben wie wir! Können wir nicht unterschiedliche Weltanschauungen neben einander existieren lassen - unabhängig von unserer eigenen Meinung?
Ich schließe mit Karl Heinrich Waggerls Worten:
"Nicht durch verstehen lösen sich die Rätsel dieser Welt, sondern durch fühlendes Begreifen"
[Waggerl 1979].